Samstag Abend Royale

Neulich im Event-Food-Blog ihres Vertrauens: Blood and Sand und ein nicht mehr enden wollender Fluss an Erinnerungen. Erinnerungen an Köln, eine winzige Cocktailbar mit irischem Barmann, der mixte, Klavier spielte und nebenbei mit seinem Vater in Irland eine Partie SMS-Schach zockte. Irgendwas mit Whiskey wollte ich mal probieren und hab über die Begeisterung am Ende den Namen vergessen. Schemenhafte Erinnerungen an Smiley-Mützen, Frau Strunz, U-Bahnen und die Kopfschmerzen am Tag darauf sind geblieben. Interessant wie präsent alles plötzlich wieder ist – Danke Uwe! Und überhaupt vielen Dank für die beste Cocktail-Kolumne im deutschen Internet!

Dabei war meine erste Begegnung mit einem Cocktail eigentlich zum Abgewöhnen. Der erste Urlaub ohne Eltern. Der erste Flug. Algarve 98, während Lothars letzter Fussball-WM. Damals wusste ich noch nicht, was Poolbar in einem Urlaubs-Katalog wirklich bedeutet. Und ich wusste nicht, dass man Margaritas dort mit Tequilla, Zitronensaft und Salzrand serviert. Den Brechreiz konnte ich grade so noch lange genug unterdrücken, den ersten Urlaubstag habe ich dann trotzdem auf dem Zimmer verbacht… Aber neulich hatte ich wieder richtig Lust auf Cocktails und habe einen Großeinkauf getätigt. Wodka aus Frankreich, Gin aus dem Schwarzwald, Bitters, Wermut, Cherry Brandy, Scotch – die Hausbar ist wieder erstklassig ausgestattet und feiern wollte ich das mit einem ausführlichen Bericht über Martinis. Und damit sind wir schon bei dem, was ich jetzt mal als das erste hansensche Theorem vorstellen möchte:

Je origineller eine Idee, umso wahrscheinlicher, dass sie schon jemand vor dir hatte…

Bitte schauen Sie für Martinis doch mal bei der Mel vorbei! Glücklicherweise hat sie, oder besser gesagt er, offen gelassen, oder besser gesagt völlig außer Acht gelassen, ob ein Martini (mit Gin) oder ein Wodka Martini die bessere Wahl ist. Deshalb schauen wir uns das hier heute mal an – und schaffen uns dafür zuerst das passende Ambiente. Mit dem besten Bond aller Zeiten: Daniel Craig in Casino Royale. Ich bin ja so froh, dass ich mit Pierce Brosnan als “Bond” aufwachsen durfte und mir nie Gedanken darüber machen musste, ob jetzt Sean Connery oder Roger Moore der bessere Bond war – der Bond nach Brosnan ist der Beste und tatsächlich: Ein Mann nach meinem Geschmack. Gleich zu Beginn von Casino Royale wird Menschen die mich gut kennen klar, warum mir der Mann so sympatisch ist. Während “der Böse” mit atemberaubenden Parcour-Sprüngen und Klettereinlagen wie ein Eichhörnchen durch eine Baustelle sprintet, schnappt sich Bond einen Bagger und fährt damit durch die Mauer. Unnötig ab dieser Stelle noch daran zu zweifeln, wer am Ende tot am Boden liegt. Irgendwie ist Daniel Craig als Bond für mich der Bud Spencer des 21. Jahrhunderts und im Gegensatz zu Pierce Brosnan ist es ihm dabei scheißegal, ob die Frisur sitzt oder nicht.

Der Martini-Abend beginnt also mit einem Wodka Martini. Meinem bisherigen Favoriten, dem Grey Goose Martini – und zwar an der Stelle, an der Judy Dench aus dem Büro des Prime-Minister kommt:

Wie konnte sich dieser Bond nur so dumm anstellen?
Ich gebe ihm Doppelnull-Status, und er feiert es indem er eine Botschaft zusammenschießt.
Er muss gestört sein! Und wo steckt er?
Wenn früher ein Agent so etwas Peinliches gemacht hat, hatte er den Anstand überzulaufen.
Herrgott, wie mir der Kalte Krieg fehlt.

Für den Grey Goose Martini nimmt man vier Eiswürfel und parfümiert diese mit 2cl trockenem Wermut, in dem man alles zusammen gut durchschüttelt und dann abgießt (den guten Noilly Prat, der sich für diesen Zweck erstklassig eignet, fangen wir natürlich auf und genießen ihn als kleinen Aperitif). Nun 8cl Grey Goose Wodka mit ein paar Spritzern Orange Bitter und den parfümierten Eiswürfeln für 90 Sekunden rühren und in ein Cocktail-Glas abseihen. Mit Olive garnieren und über den kalten Krieg sinieren. Grey Goose – französischer Wodka. Ich frage mich, was wohl Franzosen von russischem Baguette halten. Oder der ungestopften Stopfleber aus dem Osten, die einem neuerdings hier und da über den Weg läuft. Ich erfreue mich an meinem wunderbar kalten ersten Martini und dem Film, der längste volle Fahrt aufgenommen hat.

Normalerweise würde ich fragen, ob sie sich emotional distanzieren können, aber das scheint nicht ihr Problem zu sein. Oder Bond?

Mein Stichwort für den nächsten Martini. Ich muss mich emotional vom Wodka distanzieren, Gläser spülen und an den Gin wagen. Mels Perfect Martini war dran. 6cl Gin mit 1cl trockenem Wermut, 1cl süßem Wermut und ein paar Eiswürfeln rühren – oder schütteln? Sieht James Bond aus, als ob ihn das interessierte? Interessiert mich das dann? Nun, beim Schütteln wird der Drink trübe – und verwässert. Das spricht eindeutig für Rühren – und so rühre ich. Das Ganze mit einer Zitronenzeste garnieren und freuen. Freuen über den neuen Lieblingsmartini und die moderne Liebesgeschichte im Bondfilm. Zwei starke Menschen, die sich unaufhaltsam ineinander verlieben und sich dabei gegenseitig den Panzer Stück für Stück aufbrechen. Der Blick von Daniel Craig, als Eva Green ihn im Zug sitzen lässt, ist einer meiner liebsten Filmblicke… Werfen wir nochmal einen Blick auf den Perfect Martini und freuen uns auf die ungeschminkte Eva Green vor dem Spiegel – sie ist das Geld. Und jeden Penny wert.

Bond lässt den Barmann kommen und wünscht sich einen trockenen Wodka Martini. Und das wo ich grade auf den Gin gekommen bin. Allerdings überlegt er es sich nochmal anders und kreiert einen neuen Drink. Mit drei Teilen Gin, einem Teil Wodka, ein paar Spritzern Bitter, mit Zitronenzeste garniert. Gute Idee eigentlich – warum sich zwischen Wodka und Gin entscheiden, wenn man beides haben kann. Nun, der Schädel am nächsten Morgen wird die Rache dafür sein, aber der Mann ist Geheimagent. Mit der Lizenz zum Töten. Also rühre ich mir meinen Vesper.

Dem Foto sieht man den steigenden Pegel an und während der Film seine tragische Wendung nimmt – und auch dort der Pegel steigt – gönne ich mir einen letzten Martini. Einen Dry Martini, dem ich jetzt aufgrund seines Mischungsverhältnisses mal den Namen Vier zu Dry gebe. Vier Teile Gin und drei Teile trockener Wermut. Garniert mit einer Olive. Ich glaube das war mein Liebster – aber vier solche Klopper sind schon ne echte Hausnummer und so wird es wohl demnächst einen Recall geben: Perfect gegen Dry. Aber immerhin ist die Frage Wodka oder Gin geklärt!

Klarer Fall – so einen Abend übersteht auch ein Chef Hansen nicht unbeschadet und deswegen muss am Morgen danach mit einem Katerfrühstück gerettet werden, was zu retten ist. Leider habe ich keine Villa am Comer See, wo sich eine solche Wiederherstellung sicher deutlich beschleunigen ließe, daher greife ich zur Mutter aller Katerfrühstücke – das Egg Benedict. Englischer Muffin, mit Bacon, Hollandaise und einem pochierten Ei. Irgendwie hatte ich mal die Idee, davon eine eigene Variante zu entwickeln. Irgendwo hatte sich das Thema Avocado dafür in meinem Hirn eingenistet, bis ich irgendwann darauf kam, die Avocado einfach ins Ei einzubauen. Eine Avocado-Sphäre mit Eiweiß drum herum. Geht super, wenn man das in Frischhaltefolie macht und gibt einen tollen Überraschungseffekt ;-)

Dazu gab es ein Kartoffel-Toastie, dessen Rezept den Rahmen jetzt sprengen würde (das aber auf Wunsch gerne noch nachgereicht wird), Meerrettich-Creme Fraiche und Bacon – auf den hier auf keinen Fall verzichtet werden kann! Ein Frühstück für Champions und Geheimagenten, serviert mit einem Schälchen Mango-Salsa. Danach kennt der Tag nur noch eine Richtung!

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14 Antworten auf “Samstag Abend Royale”


  • Ein Mann, der mit einem Martini-Kater Avocadostückchen in Eiweiß-Sphären durch den Einsatz von Frischhaltefolien-Beutelchen entstehen lässt, stellt jeden Bond in den Schatten. MacGyver, ne. Stark!

  • “Sie sind etwas misstrauisch, Mr. Bond”

    “Lieber etwas misstrauisch als etwas tot.”

  • Mit Brosnan aufgewachsen?
    Ach du Scheisse!

  • @Mel Für das Frühstück kann man glücklicherweise alles super vorbereiten. Mit Martini-Schädel lässt sich kein Eiweiß verpacken – aber am Abend vorher schon. Blöd nur, dass dann die Avocado-Sphären durchgelieren würden…

    @AT Ja, wenn dann Roger Moore

    @Heike Ich fand sogar Mike Meyers besser als Brosnan ;-) Wobei die ja beide nur eine Karrikatur sind…

  • Von mir aus hättest du ruhig noch 4 Martinis trinken dürfen, ich hätte gerne weitergelesen, aber wenn es einen Recall gibt bleibt ja ein Quantum Trost. :D

    Dieses Frühstück Katerfrühstück zu nennen ist aber echt mal ne Ansage! Ich war Samstag auf einer Whisky-Probe und hab am Sonntag dann standesgemäß nur eine Kopfschmerztablette auf Toast gefrühstückt. ;)

  • Der erste Flug ohne Eltern 98? o.o Da hatte ich die erste midlife crisis!

    Wenn ich mir so einen Drink zum Frühstück gönne, hat der Tag tatsächlich nur mehr eine Richtung: ab ins Bett. ;)

  • @Philippe Gute Idee eigentlich – fehlt dann nur noch das Frühstück ;-)

    @Tubrohausfrau Ja, meine Eltern lieben nach wie vor die Nordsee. Und an manchen Tagen geht man einfach besser gleich wieder ins Bett ;-)

  • Bitte bitte das Rezept für das Kartoffel-Toastie :-) LG Nadja

  • Wir sind ja ohnehin alle verliebt in Chef Hansen. Aber jetzt wissen wir sogar, dass er Cocktails mixen kann. KREEEEIIIISCH!!!

    Was für ein köstlicher Post. Und wie viele Flashbacks ich gerade hatte. Unfassbar! Bitte: Unbedingt “Dame, König, As, Spion” schauen und sich freuen, wenn die grauen britischen Herren auf der Weihnachtsfeier des Geheimdienstes (wir befinden uns in den 70ern) die russische Nationalhymne singen, während ein als Lenin maskierter Santa die Geschenke verteilt!! Und mein Lieblingszitat aus Casino Royal: “Geschüttelt oder gerührt?” Bond: “Sehe ich aus, als ob mich das interessiert?”

  • @Nadja Folgt, versprochen!

    @Julia Verliebt in Chef Hansen, genau das hat mein Ego diese Woche gebraucht ;-) Mein Lieblingsspruch ist ja, Sie: “Ich bin das Geld.” Er: “Und jeden Penny wert!”

  • Hey Alex, wo ist diese Bar in Kölle. Ich bin dort Anfang Mai. Oder ist das etwa schon sooo lange her, dass es die Bar nicht mehr gibt..??. Mels Martini ist ne Wucht. Sage ich als Frau so. Wilde Zeiten hast Du hinter Dir. Und vor Dir! Glückwunsch! Viele Grüße Alex

  • Der einzig wahre Bond ist Sean Connery. Und Deine Eier-Kreation ist der Hammer!

  • @Alex Ohje, die Bar gibt´s schon lange nicht mehr, aber wenn du irgendwo einen Irischen Barmann triffst, der Brian heißt, grüß ihn schön von mir ;-) Wilde Zeiten, joah, it´s good to be me!

    @Mel Danke! Jedem sein Bond…

  • Brian, alles klar. Ich grüße ihn. Wenn ich mich am nächsten Tag noch erinnern kann, schreibe ich Dir von und über ihn. Schöne Sachen kochst Du. Danke! Dafür! Alex – die andere.

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